Es gibt politische Entscheidungen, die weit entfernt erscheinen. Beschlüsse in Brüssel, Namen auf Listen, Maßnahmen gegen Staaten oder Organisationen. Dinge, die abstrakt klingen – bis sie plötzlich ganz konkret werden. Der Fall des Journalisten Hüseyin Doğru ist genau so ein Moment.
Berichten zufolge wurden nicht nur seine Konten eingefroren, sondern auch die seiner Ehefrau. Die Folge: Eine Familie, die kaum noch Zugang zu ihrem eigenen Geld hat. Eine Situation, in der selbst grundlegende Dinge – Lebensmittel, Miete, Versorgung der Kinder – zur Herausforderung werden.
Das ist kein geopolitisches Schachspiel mehr. Das ist Alltag. Und zwar ein existenziell bedrohter. Sanktionen sind kein neues Instrument. Sie sollen Druck ausüben, politische Veränderungen erzwingen, Konflikte eindämmen. Die Europäische Union setzt sie regelmäßig ein – gegen Staaten, Unternehmen, Einzelpersonen.
Doch genau hier beginnt das Problem:
Was passiert, wenn Sanktionen nicht nur treffen sollen, sondern tatsächlich zerstören? Wenn sie nicht mehr zwischen politischer Zielperson und privatem Umfeld unterscheiden? Wenn sie nicht nur einschränken, sondern existenziell entziehen?
In einem Rechtsstaat gilt ein zentraler Grundsatz: Verhältnismäßigkeit. Maßnahmen müssen geeignet, erforderlich und angemessen sein. Vor allem dürfen sie nicht mehr Schaden anrichten, als sie verhindern sollen. Wenn aber eine Familie plötzlich vor der Frage steht, wie sie ihre Kinder ernähren soll, dann ist diese Grenze mindestens erreicht – wenn nicht überschritten.
Hier geht es nicht um Sympathie oder politische Zustimmung.
Hier geht es um eine einfache, aber fundamentale Frage: Darf ein Staat – oder in diesem Fall ein Staatenverbund – Maßnahmen ergreifen, die Unbeteiligte in existenzielle Not bringen?
Man könnte sagen: Das ist ein Einzelfall. Aber genau darin liegt die Gefahr. Wenn staatliche Maßnahmen beginnen, über ihr Ziel hinauszuschießen, wenn Grundrechte relativiert werden, wenn Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden – dann betrifft das nicht nur eine Person. Dann stellt sich die Frage, wie weit solche Instrumente in Zukunft gehen dürfen.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Art und Weise, wie solche Entscheidungen zustande kommen.
Wer entscheidet konkret?
Auf welcher Beweisgrundlage?
Welche Möglichkeiten zur Verteidigung bestehen realistisch?
Für Betroffene ist es oft extrem schwierig, sich zu wehren. Verfahren dauern lange, während die Auswirkungen sofort eintreten.Das führt zu einer gefährlichen Schieflage: Die Maßnahme wirkt sofort – der Rechtsschutz kommt spät.
Das Grundgesetz ist in dieser Hinsicht eindeutig: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Staat ist dem Sozialstaatsprinzip verpflichtet. Eingriffe müssen überprüfbar und rechtlich angreifbar sein
Auch die Europäische Menschenrechtskonvention schützt: das Familienleben, ein faires Verfahren, die grundlegende wirtschaftliche Existenz.
Beteiligt euch, schreibt eine E-Mail, hier eine Vorlage:
"Betreff: Dringende Aufforderung zur Stellungnahme: Vereinbarkeit von EU-Sanktionen mit Grundgesetz und EMRK
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großer Bestürzung habe ich Berichte über die Auswirkungen der EU-Sanktionen gegen den Journalisten Hüseyin Doğru zur Kenntnis genommen, insbesondere die vollständige wirtschaftliche Blockade sowie die Einbeziehung seiner Familie in diese Maßnahmen.
Nach meinem Verständnis führen die Kontosperrungen dazu, dass selbst grundlegende Lebensbedürfnisse – einschließlich der Versorgung von Kindern – nicht mehr gesichert sind. Sollte dies zutreffen, wirft dies aus meiner Sicht erhebliche verfassungs- und menschenrechtliche Fragen auf.
Ich bitte Sie daher um eine klare Stellungnahme zu folgenden Punkten:
Wie bewertet die Bundesregierung die Vereinbarkeit solcher Maßnahmen mit Artikel 1 und Artikel 20 des Grundgesetzes (Menschenwürde und Sozialstaatsprinzip)?
Wie wird sichergestellt, dass Sanktionen mit der Europäischen Menschenrechtskonvention – insbesondere dem Schutz des Familienlebens und dem Recht auf ein faires Verfahren – vereinbar sind?
Auf welcher konkreten Tatsachengrundlage wurde die Unterstützung dieser Sanktionen beschlossen, und wie wird deren Verhältnismäßigkeit geprüft?
Welche konkreten Schritte unternimmt die Bundesregierung, um unverhältnismäßige Härten – insbesondere gegenüber Familienangehörigen – zu verhindern?
Wird sich die Bundesregierung auf EU-Ebene für eine Überprüfung oder Aussetzung dieser Maßnahmen einsetzen?
Ich erwarte angesichts der Tragweite des Sachverhalts eine substanzielle und nicht lediglich formelhafte Antwort.
Mit Nachdruck weise ich darauf hin, dass Maßnahmen, die faktisch zu einer existenziellen Gefährdung Unbeteiligter führen, das Vertrauen in den Rechtsstaat erheblich erschüttern.
Ich bitte um eine zeitnahe schriftliche Stellungnahme.
Mit freundlichen Grüßen
[Dein Name]"
Hier sind Kontaktformulare und Mailadressen:
Auswärtiges Amt:
buergerservice@diplo.de
poststelle@auswaertiges-amt.de
Abgeordnete aus deinem Wahlreis:
https://www.bundestag.de/abgeordnete
Rat der EU
Europäische Kommission
eu-de-kommission@ec.europa.eu (Vertretung in Deutschland)
sg-acc-doc@ec.europa.eu (Generalsekretariat)
EU-Kom Deutschland Team:
https://germany.representation.ec.europa.eu/uber-uns/unser-team_de?: barbara.gessler@ec.europa.eu; birgit.schmeitzner@ec.europa.eu; katrin.abele@ec.europa.eu; COMM-REP-DE-COMM-TEAM@ec.europa.eu
Weitere Links:
Petition:
https://www.openpetition.eu/petition/online/petition-gegen-die-eu-sanktionierung-von-privatpersonen-innerhalb-und-ausserhalb-der-eu-2?
Zeitungsartikel:
https://jacobin.de/artikel/sanktionen-pressefreiheit-huseyin-dogru-rt-zensur-antifa-rote-hilfe-red
https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/koennen-unsere-kinder-nicht-mehr-ernaehren-behoerden-sperren-konten-von-journalisten-ehefrau-li.10027407